
Lesestoff
„Zwischen Himmel und Erde“
Überlegungen zu Agnes von Helmolts Buch WÜSTE ATMEN von Karin Petersen
Wüste atmen lese ich auf dem Umschlag, der in orangefarbenem Sandton mit arabisch anmutenden Arabesken gestaltet ist und mich einlädt, das Buch zur Hand zu nehmen. Ich drehe und wende es auf der Suche nach seinem Autor, seiner Autorin - vergebens.
Wüste Wüstling verwüsten wüst – im gängigen Sprachgebrauch weckt das Wort Wüste eher negative Assoziationen, wie auch die Begriffe, auf die das Etymologische Wörterbuch es zurückführt - unbebaut leer öde unschön.
Zugleich gilt die Wüste mit ihren extremen Lebensbedingungen seit Menschen Gedenken als Ort der möglichen Wandlung und Transformation. Wo manche der Reisenden durch die äußeren Entbehrungen, welche die Wüste ihnen abverlangt, Raum zu schaffen suchen für den Reichtum innerer Welten, seien diese christlich oder durch andere Religionen geprägt oder beseelt vom Abenteuergeist, der Menschen treibt, sich in extremen Welten zu erfahren.
Ein Mann klopft an die Tür der Geliebten.
„Wer ist da?“, fragt sie.
„Ich,“ antwortete er.
Die Tür bleibt verschlossen.
Der Mann geht fort.
Ein ganzes Jahr lang brennt er vor Sehnsucht nach seiner Geliebten.
Und so kehrt er zurück und klopft erneut an ihre Tür:
„Wer ist da?“, fragt sie
„Ich bin es!“, sagt er.
Sie öffnet ihm nicht.
Ein weiteres Jahr vergeht, in dem die Liebe zur Geliebten so stark in ihm wird, dass es nichts und niemanden mehr zu geben scheint als sie.
So klopft er zum dritten Mal an ihrer Tür.
„Wer ist da?“, fragt die Geliebte.
„Du bist da!“, lautet die Antwort und die Tür wird ihm aufgetan.
Auf der Suche nach dem Ich oder der Autorin, die sich zurücknimmt, wie um die Autorenschaft für ihre Erfahrungen in der Wüste dieser zu überlassen, ist mir diese Sufi-Geschichte eingefallen, die mich seit Jahren begleitet.
Ja! Wüste atmen ist eine Liebesgeschichte. Es ist die Geschichte einer Suche, die der Sehnsucht folgt, das grenzenlose Potenzial im eigenen Inneren durch Hingabe an die Wüstenlandschaft zu erfahren - die Stille, Weite, Schönheit, den Zauber, die Kargheit und die Gefahren, das Rätsel und Mysterium. Als Reisebericht einer mutigen Frau, die sich mit erstaunlicher Zuversicht in Gelände vorwagt, das in der Tradition steht, Menschen ihr Bestes und Schlechtestes abzuverlangen, birgt es ein Spektrum an Erfahrungen, das von alltäglichen Begebenheiten bis zu erweiterten Bewusstseinszuständen reicht.
Es ist eine Schatzkiste voller eindringlicher wie berührender Schilderungen der Erlebnisse eines Menschen, der “es wissen“ will. Dessen feine Wahrnehmung wie selbstverständlich von transzendenten Ebenen zu irdischen Bedingtheiten zu wechseln vermag. Immer wieder erlebt die Autorin die Grenzenlosigkeit der Wüste als „inneren Raum“: „Ich wurde Teil von etwas Größerem in mir, und es entstanden Frieden und Stille.“
Dabei ist ihre Hingabe an die Wüstengeliebte, ihre „Lehrmeisterin“, wie die Autorin selbst sie im Buch nennt, weder Selbstaufgabe noch Überhöhung des wahrnehmenden Ich, sondern immer eingebettet in ein WIR. Die Reisende begreift sich als Teil dieses WIR, als diesem Dienende - sei es als Initiatorin der Karawane, die sie um sich versammelt, wie den ortsansässigen Männern, die sie beauftragt, die Reisenden zu versorgen, und auch der Tiere, die Lebensmittel und Wasservorräte transportieren und zu denen sie eine ganz eigene Beziehung entwickelt.
Das Wissen darum, dass noch unsere intimsten Erlebnisse Teil eines kollektiven Bewusstseins sind, dass die Verbundenheit allen Seins uns in einem ganz konkreten Sinne eine Mitverantwortung für alles menschliche Tun und Lassen auf diesem Planeten auferlegt, ist für mich Ausdruck einer „geerdeten Spiritualität“. Sie äußert sich auch in der Herzlichkeit der Autorin in den Begegnungen mit den Menschen vor Ort aus einer Kultur, die der unseren in vielem so fremd und konträr ist, wie auch dem Spektrum der Themen, die sich ihr nach ihrer Wüstenerfahrung bei ihrer Rückkehr in ihren Alltag aufdrängen: Fragen nach dem Zustand der Welt, nach unserem Konsumverhalten, der Klimakatastrophe wie sowie Armut und Reichtum auf unserem Planeten und unseren Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken.
Viele Menschen sind heute auf einer spirituellen Suche, die sich außerhalb der etablierten Religionen bewegt, welche mit ihren „Glaubensvorgaben“, ihren Missbrauchsskandalen und verstaubten Ritualen der ungeheuren Komplexität des Lebens von Menschen hier und heute oft nicht mehr gerecht wird. Viele Menschen verspüren den tiefen Herzenswunsch zu erfahren, dass sie geborgen sind in etwas Größerem als ihrem „kleinen Ich“. Das Wissen um diese Transzendenz unserer Erfahrungen flackert manchmal auf in existenziellen Lebenssituationen wie Geburt, Tod, Scheidung. Oder diese Sehnsucht mündet in destruktiven Verhaltensmustern, weil nichts und niemand sie im äußeren Erleben erfüllen kann. Wir wissen intuitiv um dieses Potenzial, doch wissen wir oft nicht, wie wir es uns erschließen können. Und wir ahnen auch, dass uns auf diesem Weg viele Gefahren begegnen.
Ich lese dieses Buch als Zeugnis eines Menschen, der über die Liebe zu einer Landschaft Zugang findet zu seinem inneren Reichtum, seiner Spiritualität und damit zu Qualitäten und Wertigkeiten, derer die Weilt dringend bedarf: Mitgefühl, Stille, Achtsamkeit, Dankbarkeit, Muße und – groß geschrieben -VERBUNDENHEIT, um nur einige zu nennen.
Und jetzt habe ich sie gefunden, die Autorin dieses Buches, auf der letzten Seite im Buch, hinter den Fotos, die eine Ahnung vermitteln von der Weite und Schönheit der Wüste, deren Licht im Wechsel der Tages- und Nachtzeiten und den Menschen, die der Autorin dorthin gefolgt sind:
Agnes von Helmolt, inzwischen 70 Jahre alt, war und ist in ihrem Leben auf vielen Wegen unterwegs. Als Mutter, Großmutter wie als Sonderpädagogin und Therapeutin, entwickelte sie zugleich das Konzept für ihre meditativen Wüstenreisen. Sie führte 75 Karawanen in sechs verschiedenen Ländern, übte sich im Zen- Bogenschießen und Vipassana- Meditation, beeinflusst von Ken Wilbers Integraler Philosophie.
Das zeugt von mehreren Leben in einem einer Frau, die sich im Erfahren transzendentaler Entgrenzungen immer verbunden weiß mit dem WIR der Menschen, die nicht nur in der Karawane, sondern in ihrem Leben überhaupt mit ihr reisen.
Agnes von Helmolt, Wüste atmen.
Osnabrück 2025
Hrsg. Im Selbstverlag
Broschur inkl. Fotos 283, Seiten. 28 Euro.
Zu beziehen im Buchhandel unter der ISBN Nummer 978-3-00-081913-1 oder bei der Autorin persönlich unter avonhelmolt@posteo.de
Transformation oder die Poesie des Augenblicks
Transformation – auch Wandel, Umwandlung, Gestaltwandel, Metamorphose genannt – ist ein Wachstumsprozess, den alles Lebendige durchläuft, um nach der Zeit der Blüte, Frucht oder vollkommenen Gestalt „zurückzuwachsen“ in das Nicht-Manifeste. Weiterlesen
Der Text erschien am 23. August 2023 in Sein.
Freude
Von Karin Petersen
„Freude schöner Götterfunken“, beginnt Schiller seine Ode an die Freude. So ein (Götter) Funken hat das Potential, Freudenfeuer zu entfachen, die sich zum Flächenbrand auswachsen können.
Ob bewusst oder unwissentlich daran anknüpfend, nennt die moderne Glücksforschung Augenblicke, die starke Glücksgefühle auslösen, „Glimmer“, und ist damit vom Schillerschen Götterfunken gar nicht so weit entfernt. Solche Glimmermomente „laden uns ein, unsere Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die schön, angenehm oder sozial verbindend sind.“ (Ling Lam, Psychotherapeut und Autor)
Ob das Singen im Chor, der Gang durch einen Sommergarten, ein Gedicht, laut gelesen oder still rezitiert, das Wiedersehen mit einem geliebten Menschen oder das wohlige Strömen der Lebenslust im eigenen Körper beim stillen Sitzen - Freude ist verbunden mit der Erweiterung meines kleinen und oft engen Ich.
Wie kein anderes Gefühl lässt Freude mich über mich selbst hinauswachsen. Was mich erfreut, bereichert mich, inspiriert mich, neue Schritte zu wagen, lässt mich ahnen, dass ich mehr bin und vermag als dieses kleine Ich mit seiner chronischen Unzufriedenheit. Freude will die ganze Welt umarmen, will die Erweiterung, die sie ist, an andere weitergeben, und dieses Geben wiederum lässt meine Freude zu deiner werden. Der Funke fliegt über. Freude ist ansteckend. Was mich freut, erreicht über mein Sein und Tun, meine Worte und selbst meine Stille Menschen und andere Lebewesen. Das ist sehr beglückend, erlöst es mich doch von der schmerzlichen Illusion der Getrenntheit.
„Ich freue mich, das ist des Lebens Sinn/ich freue mich vor allem, dass ich bin“, heißt es in einem Gedicht von Mascha Kaléko, entstanden in einer Zeit, wo sich der Faschismus am Horizont abzeichnete und sie, wohl wissend, dass sie zu den Gefährdeten gehörte, rechtzeitigt ins Exil flüchtete.
Angesichts der scheinbaren Übermacht destruktiver Kräfte, die das menschliche Tun auf diesem Planeten steuern, müssen wir dieser etwas entgegensetzen – ein kreatives, aufbauendes, liebevolles, beglückendes und ja, auch humorvolles – kurz: ein freudiges Tun.
Wenn wir keine Freude mehr verspüren, wenn wir dieses Gefühl ertränken in alltäglicher Pflichterfüllung, kann es sich gegen uns wenden. Oft spüren wir diese Dynamik als nagende Unzufriedenheit, die sich zu dem Gefühl auswachsen kann, dass wir am Leben vorbeigehen und nichts von alledem, was wir tagtäglich tun und leisten, uns wirklich zufrieden, geschweige denn glücklich macht. Das zunehmende Empfinden, dass in unserem Leben etwas Grundlegendes fehlt, kann sich steigern bis zur Selbstzerstörung.
"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", heißt es bei Schiller. Das zweckfreie „Spiel“, wie er es versteht, schenkt uns Freude. Spiel und Freude sind kein überflüssiger Luxus oder entbehrlicher Freizeitspaß, Kindern vorbehalten, bis der „Ernst des Lebens“ beginnt. Freude macht uns zum ganzen Menschen, ist Seelennahrung.
Wir brauchen dieses Gefühl ganz existenziell, weil es uns in unseren besten Eigenschaften bestärkt: Mitgefühl, Dankbarkeit, Humor, das Wissen um die Verbundenheit allen Lebens, der Mut zum Nichtwissen, Kreativität, Staunen und Demut.
Also, betreten wir es, „das himmlische Heiligtum“, in das Freude uns einlädt. Machen wir „Ferien vom Ich“ und seiner permanenten Frage nach der Effizienz von allem, was wir tun (und lassen!).
Los geht’s: - aus Jux und Dollerei – ob mit Tanzen oder Singen, Gärtnern oder Gedichte schreiben. Oder stillvergnügt vor mich hinsummen und dem Busfahrer ein Lächeln schenken , ohne daran zu denken, wie wichtig das alles für meine „seelische Balance“ ist und wie es mir hilft, mein Leben zu „meistern“, mir neuen Elan gibt für das Wichtige, das Eigentliche… Nein, einfach so, ohne nach Gewinn und Sinn zu fragen. Gar nicht so einfach - oder?
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